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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Typo aus Amsterdam



Peter Reichard
28.09.2007, 09:56
Ebenso wie die Tulpen ist auch Typedesign auf höchstem Niveau nicht nur in der Hauptstadt der Niederlande anzutreffen. Wahrscheinlich würde allein die Auflistung niederländischer Typedesigner und ihrer Schriften bereits diese beiden Doppelseiten füllen. Oder wie es Gerard Unger formulierte: „Holland hat heute mehr Typedesigner pro Kopf als jedes andere Land der Welt.“

Dabei entstanden Schriften, die mittlerweile zu Klassikern geworden sind, und deren niederländische Wurzeln den Designern und Layoutern kaum noch bekannt sind. So etwa die extrem umfangreiche „Thesis“-Schriftsippe von Luc de Groot, die sich in vielen Broschüren und Corporate Designs ebenso wiederfindet wie Martin Majoors „Scala“ oder „Seria“.
Während Gerard Unger 1989 noch sagte, dass „Niederländer Leute für Textschriften, nicht für Headlineschriften sind“, zeigen viele jüngere Typedesigner, dass auch dieses Genre des Schriftdesigns sehr wohl eine von Niederländern gepflegte Disziplin ist. Denn Ungers Kollege Max Kisman stellte fest, dass es nicht den einen niederländischen Stil gibt, sondern niederländisches Design ist „style of styles“.

Von Autos, Hunden & Radios
Diese Vielfalt der Stile zeigen auch die Schriften aus dem Hause Underware, die in den letzten Jahren international bekannt wurden. Im Jahr 1999 gründeten Akiem Helmling, Bas Jacobs und Sami Kortemäki ihr Designstudio. Die bisher erschienenen Schriften reichen von einer klassischen Buchschrift namens „Dolly“ über die dynamische Serifenlose „Sauna“ bis hin zu Headlineschriften wie der auf Pinselstrichen basierenden „Bello“. Wesentliches Kennzeichen bei allen Schriften von Underware ist das besondere Etwas. So weist die Schriftsippe „Auto“ drei verschiedene Kursivformen pro Schriftgewicht auf.

Typografie ist eine visuelle Sache, doch Underware haben den Versuch unternommen, dieses visuelle Medium in ein Audio-Medium zu übersetzen, indem sie Typeradio gegründet haben. Gemeinsam mit Donald Beekman und Liza Enebeis begann dieses Experiment 2004. Auf internationalen Typo-Konferenzen wie der Typo Berlin oder der letztjährigen Typecon richteten sie einen Radio-Kanal ein, der nicht nur musikalisch die Konferenzen begleitete, sondern sie interviewten auch die anwesenden Type- und Grafikdesigner. (www.underware.nl)
Mittlerweile ist im Internet ein umfangreiches Archiv mit Interviews u.a. mit vielen niederländischen Kollegen wie Erik van Blokland, Frank E. Blokland (DTL), Luc de Groot, Jan Middendorp, Fred Smeijers oder Gerard Unger. (www.typeradio.org)

Niederländische Vielfalt
Insbesondere die Schriften von Donald Beekman (www.dbxl.nl) zeigen anschaulich, dass aus den Niederlanden auch Headlineschriften auf höchstem Niveau kommen. 1999 veröffentlichte Fontshop International eine Serie seiner Schriften, die so gar nicht der Vorstellung von niederländischer Schriftgestaltung entsprachen. Es sind sehr ornamentale und bildhafte Schriften, die u.a. vom Stil der Techno-Musik geprägt sind. Die Lesbarkeit spielt dabei eine untergeordnete Rolle; Aufmerksamkeit und Widererkennbarkeit zu schaffen ist ihre Aufgabe. Dabei findet man Anlehnungen bei avantgardistischen Gestaltern wie Theo van Doesburg oder Wim Crouwel und manche seiner Schriften orientieren sich an der Formsprache thailändischer oder japanischer Schriftzeichen.

Letztendlich war es wohl Max Kisman (www.hollandfonts.com), der Donald Beekman angespornt hatte, seine Schriftentwürfe bei Fontshop vorzustellen. Kisman gilt als Pionier des Grafikdesigns basierend auf Desktop-Computern. Bereits 1977 gestaltete er auf einem Amiga-Computer Briefmarkendesigns für die niederländische Post. Für ihn sind seine ausgefallenen Headline Schriften kreative Statements, wie es Kisman selbst formuliert: „Die Buchstaben in meinen Designs sind nicht immer dazu da, im traditionellen Sinne lesbar zu sein. Manchmal sind sie grafische Symbole, einzig und allein zum Zwecke der Identität. Aber sie werden immer Kommunikationselemente bleiben. Das Konzept von Kommunikation basiert auf einer Vereinbarung, es ist ein Code, den wir gelernt haben zu entschlüsseln. Wenn wir funktionelle Kommunikation außen vorlassen, kann man durch abstrakte grafische Symbole andere Formen von Kommunikation schaffen, die auf visuellen Eindrücken, Rhythmus und Ausdruck basieren. Und das ist es, was Identität ausmacht.“

Paul van der Laan (www.type-invaders.com) ist bisher noch nicht so über die Landesgrenzen bekannt, was seine Schriften jedoch längst verdient hätten. Zunächst arbeitete er für die Enschedé Font Foundry bei seinem Lehrer Peter Matthias Noordzij. Vor allem Displayschriften wie die Schrift Rezident, die mit dem Silver Award von Linotype ausgezeichnet wurde, entstehen bei seinen eigenen Arbeiten. Die Rezident vereint Formen einer mit breiter Feder geschriebenen Schrift mit Eigenheiten gebrochener Schriften wie der Fraktur.

Neben den experimentellen und jungen Designern gibt es aber auch mit der Dutch Type Library (www.dutchtypelibrary.nl)und The Enschedé Font Foundry (www.teff.nl) zwei Schriftenhäuser, die sich vor allem den hochwertigen Werksatzschriften verschrieben haben. Für sie entwarfen z.B. Bram de Does, Christoph Noordzij, Gerrit Noordzij, Gerard Unger und FredSmeijers vorzügliche Textschriften.

Die Niederlande sind zudem ein Anziehungspunkt für Gestalter und Typografen aus aller Welt, was auch an den 13 Design-Schulen in den Niederlanden liegen mag, von denen die Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten Den Haag (www.kabk.nl) zu den europäischen Top-Adressen für Typografie und Typedesign gehört. Neben Petr und Johanna Bilak oder Akiem Helmling und Sami Kortemäki von Underware, lebt und arbeitet auch der libanesischen Designer Tarek Atrissi in den Niederlanden. Seine Kunden kommen hauptsächlich aus der arabischen Welt, und zu seinen bekanntesten Projekten gehört die Entwicklung des Corporate Designs für den Staat Qatar. Zu seiner Aufgabe hat er es sich gemacht, die arabische Typografie und insbesondere arabischer Schriften zu verbessern und weiterzuentwickeln. Da kaum brauchbare digitale arabische Schriften zur Verfügung stehen, fing er an, eigene Schriften wie die „AT“-Schriftfamilie zu gestalten.

Einen umfangreicheren Überblick über Typedesign aus den Niederlanden mit seinen geschichtlichen Wurzeln ebenso wie über heutige Designer gibt das englischsprachige Buch „Dutch Types“ von Jan Mittendorp.

cuteangel
28.09.2007, 18:16
danke für die news:)