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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Letras latinas – Schriften aus Südamerika



Peter Reichard
26.11.2007, 10:10
Süd- und Mittelamerika, da denken selbst Typografen und Grafikdesigner mehr an Caipirinha, Mojito, Jalapeños, Samba, Salsa, Sonne und Strand als an Typografie und Schriftgestaltung. Klischees bestimmen das Bild, das auch Alejandro Lo Celso von PampaType im Interview mit „the typographic times“ kritisiert:

„Ich glaube, dass Grafikdesign und Typografie Kultur sehr intensiv und vielfältig widerspiegeln kann. Daher werden unsere Herkunft und unser Charakter durch Grafikdesign ebenso ausgedrückt wie durch Musik oder Essen, auch wenn uns das nicht bewusst ist. Ich meine, dadurch, dass die Welt diesen ,peripheren‘ Blick nicht mitbekommt, wird ,Latino‘ oft als oberflächliches Klischee genommen, bei dem Farbenpracht, Tanz und scharfes Essen eine wichtige Rolle spielen. Ich wünschte, die Leute würden etwas genauer hinsehen, und auch die Grafikdesigner von hier würden in der Lage sein, über dieses Klischee hinauszugehen und mehr als das auszudrücken.“

Schriften aus Mittel- und Südamerika sind weitgehend unbekannt. Gleich ob Mexiko oder Argentinien, eine eigene typografische Tradition gibt es kaum. Zwar wurde in Mexiko-Stadt im Jahr 1539 die erste Druckerei der so genannten Neuen Welt errichtet, aber die meisten Bleisatzschriften wurde importiert, oder es waren spanische Schriftengießer wie Antonio de Espinoza, die 1550 die europäische Schrifttradition nach Südamerika brachten.
Von Mexiko aus entstanden Druckereien nach und nach auch in Peru (1580) und Guatemala (1660). Die fehlende eigenständige Tradition im Gegensatz zu den Niederlanden, der Schweiz oder Deutschland ist somit eine indirekte Folge der Kolonisierung durch Spanien und Portugal. Später, im 19. und 20 Jahrhundert, waren es die Einflüsse aus den Vereinigten Staaten von Amerika, die eine eigenständige Entwicklung verlangsamt haben.
Bekanntheit in Europa erlangten Schriften aus Mittel- und Südamerika erst in den letzten Jahren, insbesondere durch die länderübergreifende Ausstellung in Buenos Aires, São Paulo, Veracruz und Santiago de Chile, die Bienal 2004. Dort wurden 235 Schriften präsentiert und somit einem großen Publikum in Mittel- und Südamerika selbst und darüber hinaus erst einmal bekannt gemacht. Diese Ausstellungen zeigten die Vielfalt von Schriftdesigns für Text-, Headline- und Skriptschriften aus Paraguay, Kolumbien, Uruguay, Mexiko, Brasilien, Chile, Argentinien und Venezuela. Die meisten Designs stammten jedoch aus den vier Hauptländern Mexiko, Brasilien, Argentinien und Chile. Der Besuch auf der Website (www.letraslatinas.com) gibt einen wunderbaren Einblick in die Vielfalt.

Aus dieser Fülle von exzellenten Typedesigns, die jedoch auch noch nicht alle käuflich verfügbar sind, sind einige Designer bzw. Schriftenhäuser hervorzuheben.
Allen voran ist hier der Argentinier Alejandro Lo Celso zu nennen, der heute in Mexiko-Stadt und in Veracruz Typografie und Grafikdesign unterrichtet und seine eigenen Schriften auf dem Label PampaType präsentiert. Lo Celso war Student bei Ruben Fontana, der der Typografie im südlichen amerikanischen Kontinent einen bis heute anhaltenden Schub gab. Neben seinen Schriften, die er für die spanische Neufville Digital (www.neufville.com) entwarf, war es u.a. sein Engagement, welches die erste Bienal im Jahr 2001 ermöglichte.

Lo Celsos „Borges“ ist eine klassische Textschrift mit insgesamt 10 Schriftschnitten in 4 Gewichten mit der jeweiligen Kursiven und zwei Headline-Varianten, während die 2002 fertig gestellte „Quimera“ eine verwegene Schriftfamilie mit einer starken Persönlichkeit ist. Seine Schrift „Rayuela“ ist eine sehr dynamische, aber trotzdem kantige Schrift mit insgesamt neun Schriftschnitten, unter anderem mit Ornamenten und Initialen, die die Formsprache der indigenen Kulturen dezent aufgreifen. (www.pampatype.com)

Aus Argentinien stammt das Schriftenlabel Sudtipos (www.sudtipos.com), das von Alejandro Paul ins Leben gerufen wurde. Neben Headlineschriften bietet Sudtipos vor allem ausgefeilte Handschriften.
Die Vorliebe für kalligrafische Schriften und Stilelemente findet man bei vielen mittel- und südamerikanischen Typedesignern. Beeindruckend ist dabei eine der neueren Schriften, die „Ministry“ von Alejandro Paul mit ungeheuer vielen Ligaturen und Alternativbuchstaben. Sie ermöglichen es, eine gedruckte Schrift annähernd wie eine Handschrift erscheinen zu lassen, in der beispielsweise jedes „e“ anders aussieht, je nachdem ob es am Anfang, am Ende oder mitten in einem Wort steht.

Kimera Casa Tipográfica entstand 1995 in Mexico aus dem Kimera Designbüro von Gabriel Martinez Meave. Mittlerweile sind neben Corporate Types für Kunden auch einige weitere Schriften entstanden, die meist kalligrafische Züge aufweisen. Dies rührt auch aus der Arbeitsweise von Meave, der zunächst seine Skizzen auf Papier bringt, diese dann mit Tusche verfeinert und erst im dritten Schritt die Digitalisierung vornimmt und mit entsprechenden Tools wie Fontographer bearbeitet. (http://www.kimera.com.mx/mac/tipoinicioing.html)

Typografische Vielfalt
Viele andere Designer, deren Arbeiten teils auf eigenen Websites zu betrachten sind oder die ihre Schriften über die großen internationalen Vertriebe wie ITC oder Linotype verbreiten, stehen ebenfalls für die Typografie aus Mittel- und Südamerika. So die Brüder Tony und Caio de Marco aus Brasilien (www.justintype.com.br), deren Schrift „Samba“ bereits beim Linotype Award ausgezeichnet wurde, oder auch die Schriften des Argentiniers Louis Siquot, der schon eine Reihe von Displayschriften und die Textschrift „Siquot Antiqua“ beim US-amerikanischen Schriftenhaus International Typeface Corporation veröffentlicht hat. (www.siquotdesign.com)

Vor allem experimentelle Schriften, die Stilelemente der Trash-Kultur mit Retro- und Kalligrafie-Elementen mischen, werden von German Olaya aus Bogotá, Kolumbien, auf Typo 5 (www.typo5.com), vom Brasilianer Eduardo Recife (www.misprintedtype.com), der brasilianischen Agentur Fabrika de Typos (www.fabrikadetypos.com.br), den Mexikanern von Hula+Hula (www.hulahula.com.mx), der chilenischen Cooperativa de Fundición Tipográfica (http://sindicato.autogestiona.net/cft/masa.html) oder dem venezolanischen Kollektiv Andinistas (www.andinistas.com.ve) entworfen.

Schriften, die sich an der Typografie der handgemalten Verkaufsschilder Südamerikas oder an Plakaten der Wrestling-Events in Mexiko orientieren, zeigt das Projekt Santotipo. Ausgehend von typografischen Fundstücken und Fotografien entwickeln verschiedener Designer ganze Alphabete. (www.santotipo.com)
Diese Tradition der handgemalten Schilder und Plakate gibt den Typedesignern für freie Projekte wie für kommerzielle Schriften Anregungen.
Andere wie der Mexikaner Jorge Alderete (www.jorgealderete.com) kommen von der Illustration zur Schriftentwicklung.

Bereits dieser kleiner Streifzug zeigt deutlich, dass Typografie und Schrift aus Mittel- und Südamerika keineswegs exotisch sind, sondern auf dem gleichen gestalterischen Niveau wie diejenigen aus Europa oder den USA.