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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Schriften – Made in Germany - Teil 1



Peter Reichard
22.09.2008, 13:01
Hierbei geht es nicht um die bekannten und relativ großen Fontanbieter wie Linotype, Fontshop oder URW. Schwerpunkt sind die unbekannten Schriftdesigner, die hier leben und arbeiten, deren Schriften meist im Eigenvertrieb in die Grafikbüros kommen und die oft auch nur einer kleineren Anzahl von Typo-Enthusiasten bekannt sind. Also eine kleine typografische Rundreise

Bremen
Beginnen wir unsere Reise in der Hansestadt Bremen. Dort ist das Grafikbüro die Typonauten vor Anker gegangen und beschäftigt sich neben Buchgestaltung und Corporate Design mit der Schriftgestaltung von Headlinefonts. Viele ihrer Schriften haben einen historischen oder geographischen Bezugspunkt – sei es die „Sheffield“, die an britischen Fußball erinnert, die Western-Schrift „Oklahoma“, die an den Bauhausstil angelehnte „Weimar“ oder die kyrillisch anmutenden Buchstaben der „Dimitri“ (www.typonauten.de).

Nordrhein-Westfalen
Dieses Bundesland ist nicht nur das bevölkerungsreichste Bundesland, hier gibt es auch relativ viele Typedesigner und auch Typedesignerinnen.
So etwa Nina David, Grafikerin, die sich neben ihrer Arbeit in einem Düsseldorfer Medienunternehmen mit viel Hingabe ihren Schriften widmet. Sie eignen sich in erster Linie für kurze Texte und Headlines. Allen voran ist das so genannte Wedding Package hervorzuheben. Es besteht aus der Serifenschrift „Liebling“ mit vier Schnitten mit vielen Ligaturen und Swash-Buchstaben und „Mein Schatz“, die für eine Groteskschrift viele Ligaturen aufweist und sogar über neun Schriftschnitte verfügt. Zusätzlich zu den Schriften findet man kleine Einsteigerartikel zur den Grundlagen von Typografie und Schrift auf Englisch auf ihrer Website (www.font-o-rama.com).

Nathalie Dell hat sich mit Kai Oetzbach, einem Kommunikations-Designer mit einem besonderen Faible für Typografie und Schriftgestaltung, unter dem Label Fontfarm in Aachen zusammengetan.
Das Repertoire von Fontfarm ist voll mit unverbrauchten Schriften mit spannenden Buchstabenformen, wie ihre Schriften „Jenny“, „Kofired“ oder auch „Agendatype“ zeigen. Diese sind beispielsweise gut geeignet für Lesetexte.
Die Idee zur Jenny entstand, als die beiden Designer versuchten, die Jenson-Antiqua von Nicolas Jenson zu modernisieren. Doch nach und nach bekam die Schrift immer mehr einen eigenen Charakter, der sich vor allem bei den unorthodoxen Serifenformen zeigt, die in Lesetextgröße kaum auffallen, in Größen ab 24 pt der Schrift einen eigenwilligen und wiedererkennbaren Charakter verleihen. Sie lässt sich gut für die Buch- und Magazingestaltung einsetzen. Zurzeit besitze sie 6 Schriftschnitte. Die serifenlose „Kofired“ die lesbarere Variante der Displayschrift „Kofi“ und wirkt plakativ und trotzdem klar und deutlich.(www.fontfarm.de/)

Zum Teil in Essen, meistens aber im sonnigen Cape Arcona leben und arbeiten die Designer der gleichnamigen, sehr humorvollen Foundry. Als einer der wenigen deutschen Schriftenhersteller haben sie einen König (Thomas Schostock) und einen Präsidenten (Stefan Claudius).
Zudem setzt Cape Arcona die in der Politik viel propagierte neue Ehrlichkeit unumwunden um: „The main benefit: you can make us richer and richer, because it’s so easy to buy our fonts now!“ Doch Spaß beiseite, die Schriften der beiden Labelgründer, aber auch einige ihrer Kollegen sind meist Displayschriften oder für kürzere Texte zu verwenden. Es sind Schriften, die ein eigenwilliges, manchmal auch raues Äußeres haben. Sie sind nicht unbedingt für einen Geschäftsbericht, sondern eher für den Einsatz im Kultursektor bestens geeignet. Und so kann man als Motto sicherlich das Resume anführen: „Cape Arcona – Ein Leben zwischen Font und Fun“. (www.cape-arcona.com)

Bayern
In Bayern findet man bei einer Rundreise einerseits Typedesigner wie Gerd Wiescher (www.wiescher-design.de), der bereits vor 15 Jahren eines der wenigen deutschsprachigen Bücher zum Thema Schriftgestaltung veröffentlichte, oder auch Jürgen Weltin (www.typematters.de), der u.a. die Schrift „Yellow“ für britische Telefonbücher entwarf.
Aber auch die jüngere Generation kann sich im südöstlichsten Bundesland sehen lassen. Robert Strauch von Typo-Label Lazydogs bekam für seine Schrift „Fabiol“ im Jahr 2005 eine Auszeichnung des Type Directors Club, den so genannten Type-Oscar. Anregung für die „Fabiol“ bekam Robert Strauch von verschiedenen Schriftengestaltern des 15. und 16. Jahrhunderts. Gleichzeitig stellt er Buchstabendetails über den sonst üblichen betont einheitlichen Charakter. Strauchs eigene Beschreibung seiner Schrift zeigt am besten ihren Charme: „Bei der digitalen Umsetzung war es mir wichtig, einerseits Wärme und charmante Kraft, die viele Drucke des 15. und 16. Jahrhunderts auszeichnen, zu erhalten, anderseits keinen historisierenden Eindruck zu vermitteln, etwa durch ausgefranste Kanten oder eine wacklige Grundlinie, sondern im Gegenteil durch die gefühlvolle Behandlung der charakteristischen Eigenheiten einen modernen und zeitgenössischen Standpunkt zu vertreten, der neue Vitalität und eine gewisse menschliche Qualität zeigt.“ (www.lazydogs.de)


Baden-Württemberg
Dieses Bundesland, das mit dem sympathischen Motto „Wir können alles, außer Hochdeutsch“ Werbung macht, könnte dies auch abwandeln, in „Wir können Schriften gestalten, aber kein Hochdeutsch“.
Es gibt hier eine umtriebige Typo-Szene, was sich nicht nur an Schriften, sondern auch an Magazinen wie dem Zwiebelfisch (www.zwiebelfisch-magazin.de)aus Freiburg oder dem Slanted-Magazin (www.slanted.de) aus Karlsruhe zeigt.
Sehr aktiv ist Volcano Type, die hauptsächlich Displayschriften in ihrem Programm haben, die letztes Jahr in dem von der Stiftung Buchkunst ausgezeichneten Buch namens Versus präsentiert wurden. Noch relativ neu im Programm ist die Schrift „Gringo“.
Der Ursprung von „Gringo“ entstand bei einem Auslandsaufenthalt in Kanada. Der Gringo, in diesem Falle Peter Brugger, einst Grafik-Design Student der FH-Pforzheim, studierte am Nova Scotia College of Arts and Design. In der Fremde neigen Gestalter gerne dazu, alles zu analysieren und zu vergleichen. So ging es ihm mit den Schriften. Es liegt auf der Hand: Auf dem amerikanischen Kontinent gibt es besonders viele Westernschriften. Doch einfach eine Kopie von Bestehendem zu schaffen, lag ihm fern. Der Wilde Westen sollte in die heutige Zeit transportiert werden. Am Ende stand dann eine Schriftsippe, die sich in drei Gruppen einteilen lässt: Sans (ohne Serifen), Slab (Egpytian) und Tuscan (Western). Durch den einheitlichen Grundaufbau lassen sich die Gruppen nach Belieben mischen. Gringo wurde beim Type Directors Club in New York 2006 bei den studentischen Arbeiten mit dem dritten Preis ausgezeichnet (www.volcano-type.de).

Schriftköche wie Nico Hensel und Freunde haben im Jahr 2003 das Label Fontkitchen gegründet.
Auch hier stehen Displayschriften im Vordergrund, jedoch sind in der Schriftenküche Schriften für kürzere Texte ebenso zu finden wie für die Verwendung in Flash optimierte Pixelschriften. Unter ihnen findet man sogar Fraktur-Pixelschriften, Westernschriften oder Ornamente, wie man sie sonst nur von französischen Renaissance-Antiquas kennt, auf Pixelbasis. Mit dem Repertoire dieser Pixelschriften ist sicherlich jeder typografischen Eintönigkeit in flashbasierten Websites der Kampf angesagt (www.fontkitchen.de).
Während die zuvor genannten Schriftgestalter eher moderne Schriften schaffen, hat sich Ingo Preuss, Initiator des Typeforum – der deutschsprachigen Plattform für Typedesigner (www.typeforum.de) – verstärkt historischen Vorbildern gewidmet. Daraus entstanden seine Version einer sehr breiten und kräftigen klassizistischen Antiqua mit dem Namen „Battista“ oder die Digitalisierung der „Prillwitz“ von Johann Carl Ludwig Prillwitz, der 1790 seine Version einer klassizistischen Antiqua einige Jahre vor der bekannteren Walbaum gestaltete (www.preusstype.com).

Fortsetzung folgt

Peter Reichard
30.09.2008, 11:02
Hessen
Im Bundesland Hessen ist mit der Linotype GmbH zwar auch einer der großen Schriftanbieter vor Ort, aber in diesem Artikel sollen vor allem die unbekannteren und jüngeren Typedesigner wie etwa Eric Schmitt aus Frankfurt im Vordergrund stehen. Seine Schriften wie z.B. die Schriftsippe „RT Klara“ sind noch in der Entwicklung, zeigen aber bereits, welches Potenzial hier schlummert. Die Antiqua-Variante zeichnet sich durch stark ausgeprägte Serifen und einer hohen Oberlängen aus, so dass sie einiges an Zeilenabstand benötigt. Die Sans Serif besitzt zurzeit drei verschiedene Schnitte. Wer unverbrauchte Schriften mit einem ausbaufähigen Potential für individuelle Lösungen sucht, kann Eric Schmidt für entsprechende Anpassungen kontaktieren (www.richytype.de).

Auch Dan Reynolds (www.typeoff.de), hauptberuflich Mitarbeiter bei Linotype, hat sich dem Typedesign verschrieben. Seine Schriftentwürfe orientieren sich meist an historischen Vorbildern. Beim Design der Schriftfamilie Ignaz Textura wurde er durch die Buchstaben eines Tableaus außerhalb der Kirche St. Ignaz in Mainz, die im Jahr 1519 gemeißelt wurden, inspiriert. Ein weiteres Schriftprojekt ist die im Rahmen des Bastard-Buches (www.bastard-project.com) entstandene Schrift „Mountain“. Hier war die Grundlage die sehr geometrische und für den Jugendstil fast untypische Schrift „Teutonia“, die 1902 von der Offenbacher Schriftgießerei Roos & Junge veröffentlicht wurde. Einige Formen weisen Ähnlichkeiten mit kyrillischen Buchstaben auf und erinnern an Schriften des sowjetischen Konstruktivismus. Doch Reynolds kopierte nicht einfach diese Schrift, sondern baute sie aus und ergänzte sie um kursive Schriftschnitte und Kapitälchen.

Sachsen-Anhalt und Sachsen
Auf dem Weg nach Berlin kommen wir durch Sachsen und Sachsen-Anhalt. Auch hier gilt, dass es nicht immer das große Schriftenportfolio sei muss. Auch eine einzelne Schrift wie etwa die „Noga“ von Heinrich Lischka (www.typografski.de) kann eine funktionierende Alternative zu häufig verwendeten Schriften sein. Es ist eine schmal laufende Groteskschrift mit insgesamt vier Schnitten und eine willkommene Abwechslung zur „DIN-Schrift“.
In Dresden stößt man dann auf Jan Gerner und seine Website namens Yanone (www.yanone.de). Auffälig ist zunächst seine „Kaffeesatz“-Schrift, eine runde, eng laufende Serifenlose, die Ähnlichkeiten mit der „FF Dax“ aufweist, jedoch viel individuellere und organischere Formen besitzt. Sie sollte jedoch eher für Headlines oder kürzere Texte verwendet werden. Neben ihren vier Schriftschnitten besitzt sie alternative und historische Zeichen sowie Ligaturen. Nicht weniger interessant ist seine arabische Pixelschrift „Al Abdali“, denn gerade in der arabischen Welt gibt es insgesamt nur wenige gut ausgebaute und digitalisierte Schriften und erst recht wenige Pixelumsetzungen für Webdesign oder Interfaces. Jan Gerners aktuellste Schrift ist die „Monospasz“, die für das jährliche Typografie-Symposium an der Universität Weimar entstand. Sie vereint Elemente von Schreibmaschinenschriften mit dem rauen Duktus handgezeichneter Schriften. Die Schriftfamilie ist mit 5 Schriftschnitten, zwei Sorten von Ziffern, vielen Ligaturen und diakritischen Zeichen für die meisten osteuropäischen Sprachen.

Berlin
In Berlin haben sich nicht nur viele Werbeagenturen angesiedelt, sondern auch viele Typedesigner haben dort ihre zweite Heimat gefunden. Vor allem rund um das Label Primetype von Ole Schäfer findet man wahre Schätze an frischen Ideen für Schriften. Ole Schäfer selbst ist vor alle durch die Schriften für Fontshop wie „FF Fago“, „FF City Street Type“ oder „FF Info“ bekannt geworden. (www.primetype.com)

Leider noch etwas unbekannt sind die Schriften von Andrea Thinnes, die sie für Primetype und für eigenes Label Typecuts (www.typecuts.de) entwirft, so etwa die Schriftsippe „PTL Skopex“. Sie hat zwei Stile, Sans und Serif, die sich gut miteinander kombinieren lassen. Das auffälligste an der Serifen-Version ist der starke Strichstärkenkontrast, vor allem beim »y«. Jeder Stil ist ausgestattet mit drei Schriftgewichten und jeweils mit Kursivschnitt und Kapitälchen sowie Normal-, Mediäval-, und Tabellenziffern und Expert Sets mit mathematischen Zeichen, Bruchziffern, Pfeilen und Ligaturen. Die Grundversion der „PTL Skopex“ wurde im Rahmen des neuen Corporate Designs für das Unternehmen Dywidag als Corporate Font entwickelt. Im Jahr 2004 wurde die „PTL Skopex“ für das neue Erscheinungsbild des Minneapolis College of Art and Design überarbeitet. Nicht nur moderne Corporate Fonts gehören zu ihrem Repertoire, sondern auch der spielerische Umgang mit Buchstabenformen wie er sich in der Kreuzstichschrift „Stich-me“ oder der ausgefallenen Buchstabenwelt der „Haircrimes“ zeigt. „Haircrimes“ ist eine modular aufgebaute Schrift, die zeigt, wie ornamental unser bekanntes Alphabet umgesetzt werden kann.

Auch auf den Namen Ralph du Carrois stößt man bei Primetype. Studiert hatte er an der HfG Karlsruhe eigentlich Produktdesign, aber bereits seine Diplomarbeit im Jahr 2004 war eine Schrift, die „PTL Maurea“. Auch das Grafikbüro, Seite 4, (www.seite4.com) das er gemeinsam mit Jennifer Horn gründete, richtet sein besonderes Augenmerk auf die Schriftgestaltung. So entstanden einige weitere Schriften bei Primetype, aber auch Auftragsarbeiten wie die Entwicklung einer Schrift und Piktogrammsystem für die Metro in Rom, für das Content-Management-System Typo 3 oder für den Automobilhersteller Suzuki.
Basis für die Suzuki-Hausschrift war eine „Franklin Gothic“, die zwar in der Tradition ihrer Vorlage bleibt, aber komplett neu gestaltete Buchstabenformen besitzt.
Die Verbindung aus moderner Schlichtheit und traditionellem, starkem Gothic-Charakter macht die Suzuki-Schrift zu einem langlebigen und individuellen Werkzeug für alle Grafikagenturen von Suzuki.
Denn „die verwendete Schrift spielt innerhalb einer Corporate Identity immer eine fundamentale Rolle wenn es um den Wiedererkennungswert der Marke geht“, so Ralph du Carrois.

Neben Primetype hat Berlin noch mehr Schriftgestalter zu bieten, die genauer anzuschauen sich lohnt. Gerade frisch auf dem Markt ist Jan Fromms Schrift „Camingo“.
Sie ist eine hervorragend ausgebaute und gut lesbare Groteskschrift mit einem dynamischen Schriftcharakter. Gestaltet wurde sie vor allem für den Einsatz in Magazinen für Lesetext in kleinen Schriftgrößen ebenso wie für ausdrucksstarke Überschriften oder auch für Corporate-Design-Aufgaben.
Die insgesamt 56 Schriftschnitte reichen von den Gewichten Extralight bis Black, und jedes Schriftgewicht ist mit kursiven Schriftschnitten, Kapitälchen, kursiven Kapitälchen und zweierlei Ziffern ausgestattet. Sein Handwerk hat er bei Luc de Groot, dem Designer der „Thesis“ Schriftsippe, in Potsdam gelernt. (www.janfromm.de)

Auch ein anderer Berliner, Martin Wenzel, erlernte das Typedesign bei unseren niederländischen Nachbarn und zwar an der KABK in Den Haag. Seine Schriften sind bei FontShop veröffentlicht worden, und allen voran ist die „FF Profile“ eine gelungene, mit vielen Schriftschnitten ausgebaute serifenlose Schrift. (www.martinplus.com/index.html).

Diese Liste ließe sich sicherlich ohne größere Probleme noch fortsetzen, in Deutschland wie international erlebt Typedesign einen Aufschwung. Auch wenn man denken mag, dass es doch bereits tausende von Schriften gibt, so liegt sicherlich die Zukunft in neuen, unverbrauchten Ideen, wie auch in einer hohen gestalterischen wie technischen Qualität der Schriften.